Wenn ein fahrender Tisch den Berg hinuntersaust

Artikel aus der Stuttgarter Zeitung 18.03.2003

Der Ebersbacher Teilort Roßwälden trägt deutsche Meisterschaften im Seifenkistenrennen aus – Premiere in der „Gaudiklasse“

ROSSWÄLDEN. Ob Formel-1-Look oder Tigerente, in Roßwälden dreht sich am Wochenende alles um die Seifenkiste. Die Jungschar des Ebersbacher Teilorts (Kreis Göppingen) lockt mit dem Rennen Profis aus Berlin ebenso an wie Kinder aus der Gemeinde.

Von Karen Schnebeck

Wenn am Samstag und Sonntag die Seifenkisten in Roßwälden die Kreisstraße Richtung Wellingen hinabsausen, wird einer ganz bestimmt auffallen: Der Berliner Norbert Timm startet mit einem umgebauten Tisch. Der Seifenkistenfan aus der Bundeshauptstadt hat 15 Kisten zu Hause stehen und startet jedes Jahr auf zahlreichen Rennen in ganz Deutschland. Dieses Wochenende fährt er beinahe außer Konkurrenz: In der Gaudiklasse starten neben ihm nur noch eine Familie aus Filderstadt und ein Fahrer aus Hechingen. Die Gaudiklasse gehört zu den Neuerungen im Roßwälder Rennprogramm. „Wir wollten den erwachsenen Fahrern auch etwas bieten“, erklärt Mitorganisatorin Elvira Denzinger. Sie hofft, dass neben Timm am Sonntag noch ein paar Kurzentschlossene mit ihren Sonderkonstruktionen auf der Piste starten.

Für einige der Piloten wird es am Sonntag allerdings ernst: Sie wollen mit ihren Rennkisten die deutsche Meisterschaft in den Klassen SK-L und Formel-X erringen. Die Vorschriften für die Fahrzeuge der SK-L-Klasse orientieren sich an den strengen Regelungen des Deutschen Seifenkisten Derbys (DSKD). Der Verein ist die Dachorganisation der Seifenkistenfahrer in Deutschland und trägt alljährlich die deutschen Meisterschaften der mit Vollgummi bereiften Kisten aus. In Roßwälden dagegen gehen die Piloten mit luftbereiften Flitzern an den Start. Die technische Neuerung sei eine baden-württembergische Spezialität, erklärt Denzinger. Daher veranstalte man die deutsche Meisterschaft für luftbereifte Kisten immer auch im Ländle.

Die Formel-X-Fahrer haben dagegen mehr Freiheiten. „Da darf jeder ein Stück weit bauen, was er will“, erklärt Denzinger. Bremsen und Lenkung werden allerdings vor dem Start bei jeder Kiste geprüft. Außerdem müssen die Gefährte drei Reifen haben, um als Seifenkiste durchzugehen.

Während es bei den Läufen zur deutschen und den Vorläufen zur baden-württembergischen Meisterschaft mit Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 70 Stundenkilometern bergab geht, zählt in der Gaudiklasse auch die Kreativität. Die Filderstädter Familie Schindler etwa, Norbert Timms bisher stärkste Konkurrenten, startet in einem Vater-Tochter-Doppelsitzer. Die Familie ist bereits seit Jahren auf Seifenkistenrennen in ganz Deutschland erfolgreich.

Mit bunten Kisten namens „Schwobapfeil“, „Roter Baron“ oder „gelber Panter“ beteiligen sich rund 35 Kinder aus der Gemeinde an den Ortsmeisterschaften am Samstag. Die Schnellsten dürfen am Sonntag erneut ran. Sie wollen mit den Jugendlichen gleichziehen, die vor wenigen Jahren noch als Kinder den Hang in Roßwälden hinabsausten und mittlerweile baden-württembergische und deutsche Meistertitel errungen haben.

Wer einfach mal ausprobieren möchte, ob er genug Mut hat, sein Leben einer Konstruktion anzuvertrauen, die in den 30er Jahren als Werbegag eines Seifenherstellers ihren Siegeszug in den USA antrat, kann eine der zwei Testkisten besteigen. Für Informationen rund um die verschiedenen Rennklassen und Seifenkisten ist Streckensprecher Edgar Hiersekorn verantwortlich. Er versorgt die Zuschauer auch mit Infos zu den neuesten Streckenrekorden.´